Ich will, wenn ich nicht muss

 

 

Ich fragte mich, wo ist sie hin, meine Begeisterung für das Klavierspielen.

Weshalb konnte ich mich nur schwer dazu durchringen, wenn es ans Üben ging?

Dabei hatte alles so leicht begonnen.

Ich hatte mir soo sehr gewünscht, Klavier spielen zu lernen. Ich war so begeistert davon und konnte es kaum erwarten. Immer wieder sprach ich mit meinen Eltern darüber. Und irgendwann besorgten sie mir ein gebrauchtes Klavier.

Ich war überglücklich. Endlich durfte ich zum Klavierunterricht und Spielen lernen. Stundenlang saß ich davor und hatte einfach Freude an den Tönen oder übte die einfachen Lieder nach den Noten, die ich damit schon gelernt hatte. Sehr bald konnte ich beidhändig spielen und war fasziniert von den Mechanismen meines Geistes und meines Körpers.

Doch irgendetwas lief schief und ich verlor mehr und mehr die Motivation. Nicht, dass ich tatsächlich die Lust verlor. Doch jedes Mal, wenn ich spielen wollte, verspürte ich einen Widerstand. Wenn ich mich dennoch ans Klavier setzte, war es, als würde ich mich selbst unterdrücken, meine eigene Integrität untergraben. Freude oder Begeisterung waren verflogen. Lustlos zwang ich mich zum Üben.

Es fühlte sich nur noch nach Druck und Gehorsam an.

Ich begann das Üben mehr und mehr vor mir herzuschieben. Dies hatte zur Folge, dass meine Mutter mich nur noch häufiger zum Üben aufforderte. Dieses Auffordern wurde immer massiver. Und ich verfing mich mehr und mehr in meinem inneren Konflikt. Diese Aufforderung suggerierte mir, dass das Klavierspiel ein Muss sei, ich selbst es nicht aus eigener Kraft könne und schon gar nicht wolle. Wie konnte ich dabei meinem Bedürfnis nach Autonomie – meiner intrinsischen Motivation – nachgehen und einfach spielen und gleichzeitig meine Integrität schützen?

Immer wieder versuchte ich meiner Mutter klar zu machen, dass ich nicht spielen könne, wenn sie mich dazu aufforderte. Dass ich bräuchte, es von mir aus selbst zu tun. Doch sie verstand nicht, um was es mir ging. Sie ließ mich eine kurze Zeit in Ruhe, um mir dann aufzuzeigen, dass ich es alleine ja nicht täte.

Dieses Dilemma verursachte, dass ich das Klavier spielen sehr bald aufgab. Ich hatte jegliche Lust verloren. Ich war in einem Korsett, gefangen welches mir von außen auferlegt wurde. Meine Mutter, aber auch meine Klavierlehrerin, die mich stets daran erinnerte zu üben oder auch rügte, wenn ich nicht genug geübt hatte, schnürten mir jegliche Freude am Spiel ab.

Ich liebte es Klavier, zu spielen und ich hasste es, Klavier spielen zu müssen.

Heute weiß ich:

Ich hätte gebraucht, dass ich die alleinige Verantwortung dafür bekommen hätte und dafür braucht es Vertrauen und keine Kontrolle.

Spielen = lernen = einer Spur folgen, ist ein selbstbestimmter Prozess, der das Bedürfnis nach Autonomie erfüllt. Lernen muss aus einem inneren Drang heraus geschehen dürfen, von innen nach außen. Lernen beruht auf Vertrauen und braucht Raum und Zeit. Lernen braucht Muße = Innehalten, Einkehr, freie Zeit = Schule.

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