Der kleine, feine Unterschied

Frieda steht wie angewurzelt mitten auf dem Gehweg. Mit zusammengezogenen Augenbrauen, die Backen aufgeplustert schaut sie mich von unten herauf an. Sie will keinen Zentimeter weiter.

Die anderen Kinder zappeln ungeduldig mit ihren Füßen. Sie sind hungrig und müde vom Spielen und wollen endlich ins Warme. Ich selbst stehe unter Druck. Ich muss das Essen noch vorbereiten. Wenn die Kinder nicht rechtzeitig essen und ins Bett kommen, wird es richtig anstrengend. Unterzuckerte und müde Kinder mutieren zu kleinen Monstern.

Frieda muss jetzt mit! Ich will und kann hier nicht länger warten.

Die anderen werden immer ungeduldiger und der Druck in mir wird immer stärker.

Neulich sagte eine Mutter zu mir:

„Aber ich will auch, dass er auf mich hört. Er muss doch auf mich hören. Ich bin doch seine Mutter. Immer wieder habe ich einen Kampf mit ihm, weil er nicht hört.“

Ich fragte sie: „Ist das wahr? Er muss hören? Tut er das, hört er auf dich, oder nicht?“

„Naja, mal so, mal so.“

„Hmhm, das ist auch meine Erfahrung, dass das eher die Wahrheit ist. Manchmal hören sie und machen genau das, was wir sagen und oftmals eben auch nicht. Was sie aber mit Sicherheit tun, ist, dass sie im Grunde immer kooperieren. Nur eben nicht immer so, wie wir das gerade wollen.“

Es ist dieser feine, kleine Unterschied, der uns oft in den Wahnsinn treibt und uns unseren Kindern den Kampf ansagen lässt. Hier geht es nicht mehr um die Sache an sich. Ich, der Erwachsene, will die Kontrolle, die Macht!

Hier geht es nicht mehr darum, dass mein Kind seine Zähne putzt, damit sie gesund bleiben. Hier geht es ums Hören-sollen. Es ist dieses Gefühl der Hilflosigkeit, der Unwirksamkeit. Wenn das Kind einfach nicht das macht, was wir ihm sagen. Das kann Angst machen und erinnert uns an unsere eigene Kindheit. Wie oft haben wir selbst erfahren, dass wir keinen Einfluss hatten? Dass wir der Situation wie ausgeliefert waren? Wie eine Puppe, die an Orte und in Situationen gebracht wurde, ohne das selbst entschieden zu haben?

Das macht Angst und lässt uns in Bewältigungs-Strategien verfallen, die wir im Grunde nicht wirklich wollen.

Da ist es gut, wenn wir um diesen kleinen, feinen Unterschied Bescheid wissen.

Ich blicke herunter zu Frieda. Worum geht es mir gerade? Will ich vielleicht einfach zu sehr, dass sie hört? Was ist mit meinem Vertrauen in ihre Kooperationsbereitschaft? Und in mein Vertrauen in mich? Was hindert sie überhaupt daran, gerade so zu kooperieren, wie ich es momentan brauche?

Ich hole die anderen Kinder zu mir heran und hocke mich zu Frieda.

„Na Frieda, du magst wohl gerade gar nicht weitergehen?“

„Nein, mag nicht!“

„Du bist wohl schon ganz schön müde und hungrig.“

Frieda ganz entrüstet und mit Nachdruck: „Bin nicht müde!!“

Ich: „Oh, entschuldige, dann habe ich das falsch gesehen.“

„Ja, falsch gesehen. Und ich habe gaaanz großen Hunger!“

„Ah so, meinst du, du kannst jetzt mit uns weitergehen? Ich will nämlich, dass wir schnell nach Hause kommen, damit wir gleich was essen können.“ Ich bleibe bei meiner Aussage ganz bei mir und meinem Bedürfnis, meiner inneren Klarheit und meiner persönlichen Verantwortung dafür: „Das ist das, was ich will und ich will, dass du mitkommst, weil du mir wichtig bist.“

Sie scheint zu überlegen und macht Anstalten weiterzugehen.

Ich schaue ihr kurz in die Augen und nicke ihr aufmunternd zu. Dann stehe ich auf und mache mich bereit zum Weitergehen. Ich lasse innerlich los davon, dass sie hören soll. Ich vertraue stattdessen und gebe Raum. In diesem Raum entsteht eine Art Sogwirkung. Er repräsentiert meine innere und äußere Klarheit einer authentischen Führung und gibt somit Sicherheit und Geborgenheit. Ich bin durch meine Haltung sozusagen eine Einladung, die Vertrauen schenkt und bekommt.

Im Grunde spielt es keine Rolle mehr, ob sie in meinem Sinne kooperiert. Mein innerer Druck ist gewichen. Ich bin in Akzeptanz mit dem, was gerade ist. Ich nehme die Situation, wie sie ist. Ich bin der Gestalter in meinem persönlichen und sozialen Verantwortungsbereich. Das bedeutet auch, dass ich mit allen äußeren Eventualitäten gestalterisch umgehen darf.

Da gehören auch mein Frust und mein Ärger zu mir. Und ich darf schauen, was tatsächlich dahintersteckt. Ich kann nur gestalten, was ich bei mir in meiner Verantwortung behalte.

In dem Moment, wo ich vom Kind erwarte, und frustriert bin, wenn diese Erwartung unerfüllt bleibt, gebe ich meine Verantwortung an das Kind ab. Ich mache es – wenn auch nur unbewusst – verantwortlich für meinen persönlichen Bereich.

Für meinen Bereich bin ich immer persönlich verantwortlich!

Sobald ich eine Erwartung an das Außen habe, bin ich dennoch in der Verantwortung für das, was es in mir auslöst, wenn diese nicht erfüllt wird.

Für Kinder ist es eine große Belastung, wenn sie Erwartungen erfüllen sollen. Denn sie fühlen sich dann von uns verantwortlich für unser Wohlergehen gemacht.

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