Bitte, bitte, kein Danke!

 

Sie hält meine Hand. Ich schaue von unten zu ihr auf. Bitte, bitte, kein Danke. Eben hat mir die Nachbarin von nebenan einen Bonbon gegeben. Ich spüre förmlich, wie ihre Erwartung im Raum liegt. Der Bonbon brennt wie Feuer in meiner Hand. Eigentlich sollte ich mich freuen. Ich liebe diese Schokobonbons. Doch ihre Erwartung legt sich wie ein Bleigewicht auf meine Schultern.

Ich mag diesen Bonbon nicht. Er ist kein Geschenk, er zwingt mir eine Gegenleistung auf. Ich habe nicht nach diesem Bonbon verlangt. Ich fühle mich so unwohl. Ich möchte am liebsten im Boden versinken. Bitte, bitte, Mutter, nimm mir diese Last!

Ich bin keine Maschine, in die man eine Münze wirft, um ein entsprechendes Ergebnis zu erzielen.

Ich will dann danke sagen, wenn ich es FÜHLE. Und wenn ich dazu bereit bin.

Ich fühle mich innerlich erdrückt und gleichzeitig möchte ich so gern meiner Mutter folgen. Ich weiß, dass es ihr wichtig ist, dass wir gut miteinander umgehen.

Doch ich kann nicht. Nicht jetzt und nicht so! Es geht nicht. Wenn ich es jetzt tue, bricht etwas in mir. Ich fühle mich gedemütigt und beschämt. Dumm und klein.

Sie schaut zu mir herunter. Aufmunternd. „Na, was sagt man?“

Ich schaue ihr in die Augen, flehend, bittend. Meine Hand krampft sich in ihre.

Die Nachbarin bemerkt mit gespitzten Lippen: „Warum bist du denn so schüchtern? Ich beiß doch nicht!“

Ich verkrieche mich hinter dem Rock meiner Mutter. Bitte, Mutter, schütze mich. Die Situation wird immer bedrohlicher. Ich fühle mich hilflos und beschämt. Ich weiß, ich bräuchte nur Danke sagen und schon wäre ich erlöst. Doch zu welchem Preis? Ich kann nicht, es geht nicht. In mir spüre ich eine Mauer, sie ist unüberwindbar. Und wächst mit jedem Drängen von außen, mehr und mehr. Zum Schutz meiner Selbst. Da ist kein Raum, in dem ich mich ausdrücken könnte. Ich stehe mit dem Rücken an der Wand. Vor mir eine Flut von Worten und Blicken, die mich zu verschlingen droht.

Meine Mutter lacht beschwichtigend. „Ja, so ist sie nun mal. Sie wird es schon noch lernen. Danke für den Bonbon und noch einen schönen Tag.“

Ein wenig erleichtert und immer noch zittrig, schleiche ich hinter ihr die Treppe herunter. Warum sagt sie, dass ich es noch lernen werde? Ich kann es doch schon längst. Ich bin traurig, wütend, beschämt. Als hätte man einen Eimer Schmutz über mir ausgeleert. Wie betäubt trete ich an der Hand meiner Mutter nach draußen auf die Straße. Ich habe das Gefühl, dass jeder es sehen kann. Zur Schau gestellt, bloßgestellt vor aller Welt. Es gibt keinen begrenzten Raum. Jeder auf dieser Welt kann mich sehen. Jeder weiß von dieser Erniedrigung. Mein ganzer kleiner Körper zittert. Ich bin nackt mit meiner Verletzlichkeit, ausgeliefert.

Was ich am meisten brauche, bekomme ich nicht: einen Menschen, der mich in den Arm nimmt und mir sagt: „Du bist gut, genauso wie du bist.“

Nach einer Ewigkeit löse ich meine Hand, die immer noch den Bonbon umklammert.

Ich lasse ihn unauffällig zu Boden gleiten. Er landet im Rinnstein. Meine Hand ist verschwitzt und ich spüre noch immer den Abdruck der weicher gewordenen Masse. Angeekelt wische ich meine Hand an meiner Hose ab. Langsam fühle ich mich etwas besser.

Auch wenn ich inzwischen erwachsen bin, fühle ich mich oft noch erdrückt von den Erwartungen der anderen. Sie lassen keinen Raum für ein „Danke“ aus tiefstem Herzen. Da ist kein Raum für Freiwilligkeit. Kein Raum für eine Beziehung von Subjekt zu Subjekt. Diese Erwartungen tragen in sich die Überzeugung, dass Menschen nur durch Druck funktionieren. Und macht sie so zu Objekten.

Erst langsam durfte ich lernen, wie sich Dankbarkeit anfühlt und wie diese mitzuteilen ein großes Geschenk für beide Seiten werden kann. Dieses Danke geht tief, es prallt nicht an einer äußeren Mauer von Oberflächlichkeit ab. Wir dürfen es nicht zu einer Floskel werden lassen, die einen fahlen Nachgeschmack hinterlässt! Denn Dankbarkeit schafft Vertrauen. Sie stärkt unser Selbstwertgefühl. Sie berührt und verbindet uns. Sie nährt und heilt. Eine Essenz der Liebe.

 

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